Als Heranwachsender an Poliomyelitis, ebenso als Kinderlähmung bekannt, zu erkranken, war für zahlreiche Betroffene ein schreckliches Erlebnis. Diese Viruskrankheit befällt das Nervensystem und führt zu Lähmungen am Atemsystem, an Beinen und Armen. Während der 50er und 60er Jahre waren Millionen Menschen jährlich daran erkrankt. Allein in Deutschland starben jedes Jahr mehr als 100 Erkrankte.

Rückgang der Polio durch Impfen

Erst die Schutzimpfung, die ab 1955 eingeführt wurde, bewirkte den Rückgang der Krankheit. Durch diese Impfung möchte die Weltgesundheitsorganisation diese Erkrankung vollständig ausrotten. Derzeit werden anfängliche Erfolge aufgrund von politischem Boykott und Impfmüdigkeit in manchen Entwicklungsländern infrage gestellt.

Spätfolgen häufig erst nach zahlreichen Jahren

Zahlreiche ehemalige Polio-Patienten haben ihre Erkrankung damals gut überstanden. Sie führen nun ein beschwerdefreies Leben. Jedoch für nahezu 80.000 Menschen in der Bundesrepublik ist das keineswegs der Fall. Diese leiden unter den Spätfolgen der Krankheit, dem Post-Polio-Syndrom. Obwohl man schon in Frankreich 1875 über die Spätfolgen von einer durchgemachten Polio-Krankheit berichtete, gerieten diese und weitere Informationen aus Spanien und den Niederlanden komplett in Vergessenheit. Das nahezu vollständige Ausrotten der Kinderlähmung im europäischen Raum hat ebenso dazu geführt, dass diese Krankheit bei Medizinern nahezu völlig vergessen wurde.

Symptome

Allgemeine Beschwerden der Spätfolgen sind der Verlust von Ausdauer und Kraft, die überhöhte Müdigkeit, welche keineswegs mit physischer Anstrengung erklärbar ist, Probleme mit Sprechen, Schlucken und Atmen sowie Schmerzen in den Gelenken oder auch der Muskulatur.

Diagnose

Die erwähnten Symptome kommen erst nach zehn bis 20 Jahren wieder vor. Da die Kenntnisse über diese akute Erkrankung fast nicht mehr präsent ist, fehlt ebenso das Wissen um deren Spätfolgen. Betroffene, welche drei Jahrzehnte nach einer durchgemachten Polio-Krankheit mit schweren Gelenkschmerzen und Müdigkeitserscheinungen einen Arzt konsultieren, benötigen häufig viel Geduld, bis sie eine gesicherte Diagnose erhalten. Beim Post-Polio-Syndrom ist die Diagnose schwierig. Für diese müssen auf jeden Fall die Voraussetzungen gegeben sein, dass der Patient eine Polio-Krankheit durchgemacht hat oder er mindestens zehn Jahre lang symptomfrei gewesen war.

Ursachen

Über die Auslöser für die Spätfolgen, welche je nach Betroffenen unterschiedlich schwer auftreten können, spekuliert man noch heftig. Eine These besagt, dass die entsprechenden Spätfolgen auf eine zweite und langsam fortschreitende Degenerationsphase zurückführbar sind, welche erst zahlreiche Jahre nach dem ursprünglichen Infekt vorkommt. Diskutiert wird ebenso, ob in den Nervenzellen das Virus erhalten bleibt sowie aus bislang nicht geklärten Gründen Jahre später erneut aktiv wird. Eine andere, virale Infektion führt möglicherweise zum wiederholten Ausbruch der Krankheit in abgeschwächter Form, welche dann keineswegs ansteckend ist. Unterschiedliche Studien deuten darauf hin, dass beim Patienten der Immunstatus nach einer durchgemachten Polio-Krankheit verändert ist und generell bei den Post-Polio-Patienten entzündliche Prozesse im Muskelgewebe auftreten. Zudem weiß man, dass die Muskeln der Betroffenen intensiver und eher ermüden sowie viel längere Erholungsphasen benötigen im Vergleich zu Nicht-Erkrankten. Es ist für die betreffenden Personen sehr wichtig, dass ihre Symptome keineswegs als degenerative Alterserscheinungen entsprechend abgetan werden, selbst wenn das Alter vieler Patienten diesen Gedanken durchwegs zulässt. Wenn man von sich selbst weiß, dass man als Kind Poliomyelitis gehabt hat, sollte man dies unverzüglich seinen Arzt mitteilen. Dann wird die Diagnosestellung möglicherweise einfacher.

Therapie

Die Behandlung der Beschwerden ist als individuell anzusehen, wie die verschiedenartige Symptomatik einzelner Erkrankter. Generell muss beachtet werden, dass die angegriffene Muskulatur geschont, Vitamin D zugeführt, eventuell das Lebens- und Arbeitsumfeld umgestellt wird, zur Linderung eine gezielte Physiotherapie erfolgt, Unterstützung und Atemtherapie der Schluck- und Kaufunktionen gewährt sowie generell für genügend Schlaf und gesunde Ernährung gesorgt wird. Die Spätfolgen sind für zahlreiche Patienten eine sehr schmerzvolle Erinnerung an eine dramatische Krankheit, welche lediglich dann vollständig ausgerottet wird, wenn gegen Polio flächendeckend geimpft wird. Es gibt keinen anderen Schutz vor dieser Erkrankung und deren Spätfolgen.